Giovanni Moschetto / Foto: Daniel Schmidt

Einen alten Baum verpflanzt man nicht

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Dora Balistreri, Gesprächsstoff, Magazin

„Arbeit, Fußball, Leidenschaft“ lautet der aktuelle Slogan des VfL Wolfsburg – Schlagworte, die in Wolfsburg tatsächlich gelebt werden. Das derzeit beste Beispiel dafür ist der Fall von Giovanni Moschetto, Pächter des grün-weißen Kiosks am Amtsgericht. Durch harte Arbeit und viel Hingabe hat Giovanni aus seiner Trinkhalle einen zentralen Treffpunkt für VfL-Fans geschaffen, welcher seit mehreren Jahrzehnten besonders vor den Fußballspielen gut besucht wird. Jetzt droht der Abriss. 

Die Trinkhalle ist einzigartig in Wolfsburg

Trinkhalle / Foto: Daniel Schmidt

Die Trinkhalle / Foto: Daniel Schmidt

Beinah unübersehbar steht der Kiosk von Giovanni Moschetto, wenn man gegenüber des alten VfL-Stadions in die Straße zum Amtsgericht hineinfährt: grün-weiß gestrichen, die Fenster beklebt mit VfL-Stickern, Fotos von Fußballsiegen, Fußballstars, Auszeichnungen und Flaggen. Giovannis Trinkhalle ist eindeutig ein Ort für VfL-Fans. Zudem ist das Bier günstig, es gibt immer etwas zu knabbern und sollte es draußen zu kalt werden, bittet Giovanni seine Gäste in den kleinen Kiosk hinein und schaltet die Heizung an. Die Trinkhalle ist einzigartig in Wolfsburg und hat sich mit der Zeit zu jener Kultstätte entwickelt. Kein Wunder, dass die Abrisspläne des neuen Eigentümers so viele schockiert und geärgert haben. Giovanni Moschetto ist in diesem Jahr 83 Jahre alt geworden. Er ist ein kleiner, aber energischer Mann. Wenn er spricht, egal ob Deutsch, Italienisch oder eine Mischung beider Sprachen, gestikuliert er wild mit beiden Händen. Seit 1966 lebt der gebürtige Sizilianer in Deutschland. Er ist in Porticello bei Palermo aufgewachsen, ein traditionsreiches Städtchen direkt an der Küste, welches vom Tourismus und dem Fischfang lebt. Als er in Wolfsburg ankam, war er ein junger Mann. Giovanni nahm unterschiedliche Tätigkeiten an und als der Kiosk vor 38 Jahren zur Verfügung stand, mietete er ihn ohne lange zu überlegen.

„Kultstätte“

Trinkhalle / Foto: Daniel Schmidt

Die VfL-Fans stehen hinter Giovanni / Foto: Daniel Schmidt

Vor kurzem verlor er seinen Sohn und seine Frau. Die Trinkhalle ist für Giovanni zum Lebensinhalt geworden. Jetzt stehen seine Zukunft und die seines Kiosks auf dem Spiel. Aber Giovanni ist nicht allein. Sven Pieper, der seit seinem 12. Lebensjahr Kunde des Kiosks ist, steht an der Spitze der Fußballfan-Bewegung, die Moschetto im Kampf um den Erhalt des Kiosks unterstützen. Er organisierte im letzten Jahr sehr erfolgreich eine Unterschriftensammlung. Dadurch wurden lokale und überregionale Medien, wie etwa das Sat.1 Frühstücksfernsehen, auf den Fall von Giovanni aufmerksam. Solidarisch zeigte sich sogar VfL-Geschäftsführer Dr. Tim Schumacher, der Unterstützung seitens der VfL Wolfsburg-Fußball GmbH versprach. Die VfL-Fans, bewegt von Giovannis Geschichte, machten ihre Meinung im Lied „Kultstätte“ kund. Komponiert wurde der Song von den beiden Wolfsburger Rappern Riot45 und niZZa, welcher 2009 den Meister-Song komponierte. Vor Ort und gemeinsam mit weiteren Hunderten von Fans drehten sie im vergangenen Herbst das Musikvideo für den Erhalt der grün-weißen Trinkhalle am Amtsgericht. Ein echter Erfolg, denn innerhalb nur einer Woche erreichte das Lied mehr als 16.000 Klicks. Bis heute hat der Investor bezüglich des Abrisses nicht mehr reagiert.  

Ausgerechnet in diesen schwierigen Zeiten wurde Anfang des Jahres nach der Geburtstagsfeier von Giovanni im Kiosk eingebrochen – gefunden wurde nicht viel, die gestohlenen Sachen waren jedoch für Giovanni von großem Wert, wie etwa seine Kaffeemaschine oder die Spendendose, in der etwas Geld gesammelt wurde.

Gute Nachrichten

Am Vormittag des 17. Juli 2018 wurde nun endlich eine gerichtliche Einigung zwischen Giovanni und dem Eigentümer darüber erzielt, dass die Trinkhalle zumindest erst einmal bis Ende 2019 weitergeführt werden darf. Im Laufe des Tages folgte dann eine noch größere Überraschung: ein Kleinbus des VfL Wolfsburg statte der grün-weißen Trinkhalle einen Besuch ab. Sportdirektor Marcel Schäfer war mit Maximilian Arnold, Robin Knoche und dem Fanbeauftragten Holger Ballwanz gekommen, um Giovanni persönlich zum Verbleib der Trinkhalle zu gratulieren. Neben einem VfL-Trikot hielten die Besucher noch weitere Geschenke bereit: „Wir haben uns sehr über die tolle Nachricht gefreut und in der Mannschaft spontan entschieden, dass wir die Pacht der grün-weißen Trinkhalle für ein Jahr übernehmen wollen. Uns liegt diese Sache sehr am Herzen“, sagte Robin Knoche.

Weitere Infos kannst du hier nachlesen.

Infobox

Ein Spendenkonto zur Finanzierung der Anwaltskosten ist in Planung. Wer helfen möchte, schickt uns gerne eine E-Mail an wolfsburg@flow-wolf.de. 

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