wohnsionär / Foto: Neuland Stiftung

Wohnen im Glück

Gesprächsstoff, Magazin, Stefanie M. Brakel

Was braucht es, um da glücklich zu sein, wo man wohnt? Dieser Frage gehen derzeit 16 Schülerinnen und Schüler der Heinrich-Nordhoff-Gesamtschule (HNG) im Alter von 17 bis 18 Jahren nach. Unterstützt vom Personalcoach Joachim Franz von der ABENTEUERHAUS GmbH in Kooperation mit der NEULAND Stiftung Wolfsburg, erarbeiten sie im Seminarfach „wohnsionär“ Wohn-Visionen für die mit 80 Jahren ziemlich junge Stadt Wolfsburg.

Was bewegt rund 125.000 Wolfsburger?

wohnsionär / Foto: Neuland Stiftung

Alles andere als klassischer Frontalunterricht / Foto: Neuland Stiftung

Die Volkswagen-Stadt hat mit vielen Vorurteilen zu kämpfen, die meist von außen herangetragen werden. Es drehe sich alles nur um den Automobil-Konzern, die Stadt hätte kein Flair usw. Ist das wirklich so? Mit Unterstützung der NEULAND Stiftung Wolfsburg, die zahlreiche Quartiersprojekte durchführt und fördert, haben die Schüler im ersten von insgesamt vier Semestern recherchiert, welche Fragen die rund 125.000 Wolfsburger bewegen. Dazu gab es einen Kickoff-Workshop, in dem die Themen zusammengetragen und Arbeitsgruppen gegründet wurden. Demnächst werden Möglichkeiten erprobt, Ideen medial umzusetzen. Denn die Seminarfacharbeit, die alle Schüler erbringen müssen und die auch benotet wird, muss in künstlerischer, filmischer oder journalistischer Form umgesetzt werden. Danach wird noch einmal ein Workshop folgen, der aus allen Projektideen eine auswählt, die dann alle Schüler dieses Seminarfachs gemeinsam im dritten und vierten Semester zur Ausführung bringen. Klingt alles überhaupt nicht nach dem klassischen Frontalunterricht und genau der soll es auch nicht sein.

Neue Denkansätze und Ideen-Entwicklung

wohnsionär / Foto: Neuland Stiftung

Die Schüler lernen die Form des „New Work“ kennen / Foto: Neuland Stiftung

Ziel dieses Seminarfachs ist es, aus der Schule herauszukommen und die Schüler der Stufen 12 und 13 auf das Berufsleben vorzubereiten. Neue Denkansätze und die Ideen-Entwicklung sollen gefördert werden. Projektarbeit soll live und in Eigeninitiative an konkreten Beispielen erlebt werden. Die Schüler lernen die Form des „New Work“ kennen, sie müssen sich einbringen. Und: hier werden sie ernst genommen. Eine lebensprägende Erfahrung, die viel zur Persönlichkeitsentwicklung beitragen kann. Viele Arbeitgeber beschweren sich heutzutage über die Unreife der Schulabgänger, ihr mangelhaftes Auftreten und ihre Interessenlosigkeit. Genau diese Fähigkeiten werden bei den „wohnsionären“ geübt und gefördert. Hier geht es um Wertevermittlung, selbstbewusstes Auftreten und das Aufzeigen von Perspektiven.

„wohnsionär“

wohnsionär / Foto: Neuland Stiftung

Beim Kickoff-Workshop wurden Themen zusammengetragen und Arbeitsgruppen gegründet / Foto: Neuland Stiftung

Das erste Projekt dieser Art startete als Schul-AG. Dann wurde zusammen mit der Schule ein Konzept entwickelt, das zum Lehrplan passte. 2016 starteten die „wohnsionäre“ an der HNG und hatten nach vier Semestern mit der Kunstausstellung URBAN ART Westhagen ein großartiges Projekt auf die Beine gestellt, das sogar den Niedersächsischen Jugendkulturpreis 2018 gewann. Die Präsentation der Objekte, die allesamt Anstoß dazu geben sollten, das Leben im Stadtteil Westhagen lebenswerter zu machen, haben die Schüler selbst organisiert. Sie gaben Pressekonferenzen, steuerten die Werbung über entsprechende Social-Media-Kanäle und konnten auf der Vernissage sogar den Schirmherrn dieses Events begrüßen, Wolfsburgs Oberbürgermeister Klaus Mohrs. Ein Ansporn für die Förderer, weiter zu machen. Denn als die NEULAND Stiftung Wolfsburg 2014 an Joachim Franz herantrat und die gemeinsame Idee zum „wohnsionär“ – übrigens die Wort-Mischung aus wohnen und Visionär – geboren wurde, hatte niemand mit einem so überwältigenden Erfolg gerechnet. Pädagogische Begleitung bekommen die Schüler durch ihre Lehrerin Kati Seugling. Sie führt sie fachkundig und mit viel Geduld durch die einzelnen Phasen. Und so hat auch das „Wohnen im Glück“-Projekt tolle Themen hervorgebracht, wie z.B. das Fördern des Tierschutzes. Dana und Anik finden, dass man nur glücklich sein kann, wenn es auch den Tieren in der Stadt gutgeht.

Lebens- und liebenswert

wohnsionär / Foto: Neuland Stiftung

Lehrerin Kati Seugling und Joachim Franz von der ABENTEUERHAUS GmbH / Foto: Neuland Stiftung

Auf ihrem Instagram-Kanal @tierglueck_wolfsburg dokumentieren sie, was sie in der Zusammenarbeit mit dem Tierheim Sülfeld schon erreicht haben und werben für ihr Projekt. Schülerin Marielouise hat schon das Exposé für ihr Projekt fertig. Sie möchte eine Umfrage starten und wissen, warum die Menschen in Wolfsburg leben und was ihnen wichtig ist. Sie hat dazu sogar Interview-Termine beim früheren VW-Chef Carl Hahn und beim ehemaligen Oberbürgermeister Rolf Schnellecke. Milena hat italienische Wurzeln und eine große Familie, nichts Ungewöhnliches in Wolfsburg. Sie geht der Frage nach, warum die italienisch-stämmigen Bürger herkommen, wieder zurück nach Italien gehen, um dann doch wieder nach Wolfsburg zurückzukehren. Was sind ihre Beweggründe? Das Klima? Oder siegt am Ende der Verstand, hier einen guten Job zu haben, über das Herz für die Familie? Diese Geschichte möchte Milena erzählen und als Zeitungsartikel veröffentlichen. Mittlerweile haben auch schon weitere Schulen Interesse an der Einführung des Seminarfachs „wohnsionär“ gezeigt. „Wir sind stolz darauf, den jungen Leuten den Weg für ihre Ideen und ihr Engagement ebnen zu können – wir hoffen, sie werden „wohnsionäre“ Botschafter für lebens- und liebenswerte Quartiere“, sagt Herbert Haun, Geschäftsführer der NEULAND Stiftung Wolfsburg.