Eichendorffschule / Foto: IZS, Stadt Wolfsburg

Die Geschichte der Bildungslandschaft in Wolfsburg

Bernhard Knorn, Gut zu wissen, Magazin

Wie alles, begann auch die Bildung in Wolfsburg in Baracken. Es dauerte sehr lange, bis alle Barackenschulen in festen Gebäuden untergebracht waren. Die schnell steigende Einwohnerzahl nach dem Kriegsende wies einen hohen Anteil an jungen Familien mit Kindern auf. Die Stadt Wolfsburg stellte stets die nötigen Gelder für Schulneubauten bereit. Bis heute wird viel Geld in Bildungseinrichtungen und deren Ausstattung investiert.

Die Bildung in der „Stadt des Kdf-Wagens“

Foto: IZS, Stadt Wolfsburg
Foto: IZS, Stadt Wolfsburg

Die Stadtgründung erfolgte im Juli 1938. Schon 1939 standen östlich von Heßlingen, auf dem Gelände des heutigen Berliner Rings, die ersten Schulbaracken. Hier ging es mit der Bildung in der „Stadt des Kdf-Wagens“ los. Parteigetreue Lehrer wurden in den Dorfschulen in der Umgebung schnell gefunden. Der erste Rektor kam aus Heiligendorf in die Stadt des KdF-Wagens. In den Heßlinger Schulbaracken begann dann im Februar 1940 mit zwei Lehrkräften der Unterricht mit 130 Kindern in den Schulformen Hauptschule, Mittelschule und Sonderschule. 1942 wurden die ersten Schulbaracken an der Heinrich-Heine-Straße errichtet und die „Hauptschule der Stadt des KdF-Wagens“ gegründet. Hier starteten ebenfalls Ostern 1942 die Berufsbildenden Schulen mit dem Unterricht in der Handelsschule. Die Kostbarkeiten dieser Handelsschule waren 20 Schreibmaschinen. Um sie vor den Kriegseinflüssen zu schützen, wurde ein kleiner Bunker gebaut. Bei Fliegeralarm oder nach Unterrichtsschluss brachten die Schüler die Maschinen in den Bunker, um sie vor einem Luftangriff in Sicherheit zu bringen. 1945 verschwanden sie jedoch, wie vieles andere auch in jenen Tagen. In zusätzlichen Baracken an der Heinrich-Heine-Straße wurden 1942 die ersten Klassen der gegründeten Oberschule untergebracht. Die Schülerinnen und Schüler kamen aus allen Gauen des Reiches (Anmerkung: Gau bedeutete im nationalsozialistischen Deutschland eine regionale Organisationseinheit der NSDAP unterhalb der Reichs- und oberhalb der Kreisebene). Einige kamen aus dem Ausland und ein kleiner Teil aus der Umgebung. Gebürtige Wolfsburger waren damals nur die Kinder des Grafen von der Schulenburg. Im März 1943 konnte im Rahmen des Stadtaufbaus nach dem „Koller-Plan“ mit dem Bau der Goetheschule begonnen werden. Die Arbeiten kamen über das Kellergeschoß nicht hinaus. In den Kellerräumen richtete sich dann bis zum Weiterbau eine Gaststätte ein. Erst 1951 war die Volksschule als erster fester Schulneubau in Wolfsburg fertig.

Nachkriegszeit

Wohltbergschule 1965 / Foto: Schlesinger, IZS, Stadt Wolfsburg
Wohltbergschule 1965 / Foto: Schlesinger, IZS, Stadt Wolfsburg

Nachdem die Schulbaracken an der Heinrich-Heine-Straße nach dem Krieg zunächst für die Unterbringung von Bewohnern aus Ostdeutschland benötigt wurden, konnte dann im Januar 1946 der Schulbetrieb in allen Schulformen wieder beginnen. Im selben Jahr wurden dort aufgrund des Fachkräftemangels noch weitere Berufsschulklassen eingerichtet. Im Winter war es in den Baracken sehr kalt, aber frieren sollte keiner. Darum hatten die gewerblichen Klassen der Berufsschule Öfen gebastelt. In der ersten Unterrichtsstunde wurde dann erst einmal Holz gesammelt und die Öfen angeheizt, bevor der Unterricht begann. Durch den Aufstieg des Volkswagenwerks in den Wirtschaftswunderjahren nach dem Krieg wuchs die Stadt, die seit 1945 den Namen Wolfsburg führt. Aufgrund des Bevölkerungswachstums hatte der Rat der Stadt die erforderlichen Gelder für Bildung und Schulneubauen bereitgestellt. 1951 konnten nicht nur die Goetheschule, sondern auch das Ratsgymnasium und die Ferdinand-Porsche-Realschule in feste Gebäude umziehen. 1952 erhielten die Friedrich-von-Schiller-Schule am Steimker Berg und die Berufsschulen an der Kleiststraße ihre Schulgebäude. Als alle Barackenschulen in feste Häuser eingezogen waren, wurde an der Heinrich-Heine-Straße 1955 die Hermann-Löns-Volksschule auf dem ehemaligen Barackengrundstück errichtet. Im selben Jahr konnte an der Heinrich-Heine-Straße in der Pestalozzischule der Unterricht in der ersten Sonderschule aufgenommen werden. Die Stadtentwicklung ging rasant weiter. Neue Wohnquartiere wurden geplant und auch gebaut. In allen diesen neuen Stadtteilen entstanden Schulneubauten. 1954 konnte die Laagbergschule, 1957 die Wohltbergschule, 1958 die Hellwinkelschule und 1959 die Waldschule Eichelkamp den Schülerinnen und Schülern als Volksschulen übergeben werden.

„Kloppstocksiedlung“

Theodor-Heuss-Gymnasium / Foto: IZS, Stadt Wolfsburg
Theodor-Heuss-Gymnasium / Foto: IZS, Stadt Wolfsburg

Der Bau dieser neuen Schulen erforderte auch, dass viele Lehrerinnen und Lehrer eingestellt werden mussten. Wie heute herrschte großer Lehrermangel im Land. Die Stadt warb in jenen Jahren intensiv mit der Bereitstellung von Wohnungen, Häusern oder Grundstücken, die den Lehrkräften angeboten wurden im Stadtteil Hohenstein, um den Brahms-, Bruckner-, und Wagner-Ring. So kam es, dass in diesen Straßen viele Lehrer wohnten. Da es damals zur Durchsetzung der Bildung noch die Prügelstrafe gab, die vormittags in der Schule auch mit dem Rohrstock durchgeführt wurde, machten viele Schüler um diesen Wohnbereich nachmittags einen großen Bogen. Dieser Teil des Stadtteils Hohenstein wurde dann im Volksmund auch respektvoll „Kloppstocksiedlung“ genannt. Natürlich wuchs auch der Bedarf nach weiterführenden Schulen. Das Ratsgymnasium, die Ferdinand-Porsche-Realschule und auch die Berufsschulen konnten nicht mehr alle Schülerinnen und Schüler beschulen. Schon 1959 wurden das Theodor-Heuss-Gymnasium und die Gerhard-Hauptmann-Realschule im Westen der Stadt eingeweiht. Die Berufsschulen teilten sich in gewerbliche Schulen (Gebäude an der Kleiststraße) und kaufmännische Schulen auf, denn 1962 konnten die Handelslehranstalten am Schachtweg eingeweiht werden. 1964 wurde dort auch die Wirtschaftsoberschule eingerichtet, die bis heute existiert und zum beruflichen Gymnasium Wirtschaft an der Carl-Hahn-Schule wurde

Entstehung von Schulzentren

Friedrich-von-Schiller-Schule / Foto: IZS, Stadt Wolfsburg
Friedrich-von-Schiller-Schule / Foto: IZS, Stadt Wolfsburg

Die Stadtentwicklung in den 60er und 70er Jahren ist der Grund dafür, dass im Norden und im Süden der Stadt, der damaligen Bildungsphilosophie folgend, große Schulzentren gebaut wurden. Im Norden für die Stadtteile Teichbreite, Tiergartenbreite und Kreuzheide, entstanden 1964 die Gebrüder-Grimm-Volksschule und 1966/1967 das Schulzentrum Kreuzheide mit den weiterführenden Schulen Gymnasium und Realschule. Im Süden entstanden für die Trabantenstädte Detmerode und Westhagen 1964 und 1967 Hauptschulen in Detmerode und 1967 das Schulzentrum Westhagen. Die, nach der Wirtschaftkrise mit den autofreien Wochenenden, wieder aufgenommene Bautätigkeit, ließ in den 70er und 80er Jahren noch weitere Schulneubauten in Westhagen entstehen. Insbesondere wurde nach der Gebietsreform 1972, nachdem die Städte Fallersleben und Vorsfelde und 18 weitere Gemeinden zum Stadtgebiet dazu kamen, die Wolfsburger Schullandschaft immer wieder den Bedürfnissen der Bevölkerung angepasst. Als eine Einrichtung des „Zweiten Bildungsweges“ nahm bereits 1968 das Wolfsburg-Kolleg die Arbeit auf, um Absolventen einer Berufsausbildung zum Abitur zu führen. Aufgrund des hohen Anteils von Italienern in der Bevölkerung ist die Deutsch-Italienische-Schule Leonardo-da-Vinci entstanden. Bei der Umsetzung neuer Schulgesetze mussten Realschulen und Hauptschulen zu Oberschulen zusammengelegt werden. Die traditionsreiche Ferdinand-Porsche-Realschule existiert heute nicht mehr. Es wurden auch zwei Gymnasien zusammengelegt, so dass aus dem Gymnasium Kreuzheide und dem Gymnasium Vorsfelde das Phoenix Gymnasium im Norden der Stadt wurde. Außer den Allgemeinbildenden und Berufsbildenden Schulen, mit ihren über 20.000 Schülerinnen und Schülern, hat Wolfsburg noch mehr in seiner Bildungslandschaft zu bieten. Nachdem sich die Stadt 1958 ein Rathaus gebaut hatte, wurde in unmittelbarer Nähe am Marktplatz vom berühmten finnischen Architekten Alvar Aalto ein Kulturzentrum errichtet, in das 1962 die Stadtbücherei und die Volkshochschule einzogen. Heute noch deckt das Kursangebot der Volkshochschule in über 1.200 Veranstaltungen alle Lebensbereiche der Bevölkerung ab und berücksichtigt dabei sogar die Schichtzeiten der Belegschaft im Volkswagenwerk. Nachdem der Wunsch nach musischer Bildung immer stärker wurde, stimmte der Rat der Gründung einer Städtischen Musikschule zu, die dann im Oktober 1967 eröffnet wurde und heute ca. 2.500 Schülerinnen und Schüler unterrichtet. Eine besondere Bildungsoffensive ist der Stadt 1988 mit der Ansiedlung der Ostfalia – Hochschule für angewandte Wissenschaften – geglückt. Rund um den Robert-Koch-Platz hat sich, mitten in der Stadt, eine Campus-Hochschule mit über 3.000 Studierenden in den Fakultäten Fahrzeugtechnik, Wirtschaft und Gesundheitswesen entwickelt. Die Bildung wurde bewusst in die Stadtmitte geholt, denn die Studentinnen und Studenten in der City prägen und beleben den innerstädtischen Bereich. Das gesamte Handwerkerviertel ist, mit der Ostfalia Hochschule und zwei großen Berufsbildenden Schulen der Stadt, zu einem bedeutenden Bildungszentrum in der Bildungslandschaft Wolfsburgs geworden.

Bildung von heute und morgen

Berufsschule in der Kleiststraße / Foto: IZS, Stadt Wolfsburg
Berufsschule in der Kleiststraße / Foto: IZS, Stadt Wolfsburg

Das Volkswagenwerk hat der Stadt zum 70-jährigen Stadtjubiläum im Jahr 2008 mit der Neuen Schule ebenfalls ein sehr großzügiges Bildungsgeschenk gemacht. Die Stadt hatte dabei die Aufgabe, die Räumlichkeiten zu schaffen. Die Hermann-Löns-Schule wurde ausgewählt und im Zuge der Jahre mit Erweiterungsbauten versehen. Neben einer Turnhalle und einer Mensa ist dann im Jahr 2016 ein markanter Erweiterungsbau an diesem historischen Standort entstanden. Die Planungen gehen aber schon weiter. Hinter der Neuen Schule soll in wenigen Jahren das „Bildungshaus“ entstehen. Wieder hat ein finnischer Architekt, wie schon 1962 Alvar Aalto, die anspruchsvolle Aufgabe ein Haus zu errichten, das Vorbild, Anregung und ein neuer Maßstab für Bildungsbauten sein soll. Die Volkshochschule, die Stadtbibliothek und auch das Medienzentrum der Oberstufe der Neuen Schule sollen gemeinsam in das Gebäude einziehen. Das Bildungshaus wird mit allen didaktischen, methodischen und digitalen Möglichkeiten der Gestaltung neuer und individueller Lern- und Lehrmöglichkeiten ausgestattet sein. Für die Errichtung des „Bildungshauses“ wurde ein Ort bestimmt, an dem Bildung in Wolfsburg in Baracken vor 76 Jahren begann. Hier schließt sich der Kreis der Bildungslandschaft. Wenn die Pläne mit dem Bildungshaus realisiert würden, könnte sich die Bildung in Wolfsburg, von diesem historischen Ort aus, in die digitale Welt der Zukunft weiterentwickeln.