Geschichte wird erlebbar

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Gut zu wissen, Ingo Bartels, Magazin

Wer das Institut für Zeitgeschichte und Stadtpräsentation (IZS) besuchen möchte, muss erst über den Schulhof der Goetheschule gehen, um an den wichtigsten Ort Wolfsburgs zu gelangen. Seit 1976 gibt es das Wolfsburger Stadtarchiv, seit 2000 befindet es sich in der Goethestraße 10a.

Von klein nach groß denken

Institut für Zeitgeschichte und Stadtpräsentation

Bürgerbeteiligung ist Teil des Projektes. / Foto: Stadt Wolfsburg

Anita Placenti-Grau ist seit 2002 für das Institut tätig. Zuerst als Studentin, dann als wissenschaftliche Mitarbeiterin und seit 2011 als Institutsleiterin. Die gebürtige Wolfsburgerin studierte Soziologie, Geschichte und Kunstwissenschaften und kümmert sich mit ihren beiden Kollegen darum, dass das historische Gedächtnis erhalten bleibt und anwächst. Dr. Alexander Kraus kam im September 2015 aus Münster nach Wolfsburg und übernahm den Bereich Forschung. Sein Schwerpunkt lautet „Wolfsburg auf dem Weg zur Demokratie“ und wird als großes Buchprojekt realisiert. Groß denken ist das Motto im Institut. „Wir möchten die Bürger regelmäßig informieren und Wissen vermitteln“, sagt Dr. Kraus, „ehe wir zum Abschluss ein Buch präsentieren.“ Die Projekte, die das Team des IZS anfasst, sollen immer von klein nach groß gedacht werden. „Wir sind das historische Gedächtnis und Kommunalarchiv der Stadt und somit die Basis für alle Themen, die nach außen kommuniziert werden“, so die 38-jährige Anita Placenti-Grau und ergänzt, „Mit der Gründungsgeschichte hat Wolfsburg ein Alleinstellungsmerkmal. Aber in vielen anderen Bereichen spiegeln sich Ähnlichkeiten mit anderen Städten wider. Wir gehen vom Mikro- in den Makroblick.“

Ein außerschulischer Lehrort

Institut für Zeitgeschichte und Stadtpräsentation

Institut für Zeitgeschichte und Stadtpräsentation trifft Schule. / Foto: Stadt Wolfsburg

Aleksandar Nedelkovski absolvierte 2004 ein Praktikum im IZS und blieb. Erst als freier Mitarbeiter und seit 2010 als wissenschaftlicher Mitarbeiter. Der 38 Jahre alte Wolfsburger leitet seit 2011 die Geschichtswerkstatt, die in dieser Konstellation bundesweit einmalig ist. Sie wurde auf Ratsbeschluss eingerichtet und hat mit Nedelkovski einen festen Mitarbeiter, der Projekte anstößt und proaktiv auf die Schulen zugeht. Daraus entstehen fruchtbare Kooperationen und tolle Projektarbeiten. Als aktuelles Beispiel nennt er das Forschungsfeld Visual History. Im zweiten Schuljahrhalbjahr wird unter anderem gemeinsam mit dem Theodor-Heuss-Gymnasium (THG) hierzu gearbeitet. Schüler der achten und elften Klasse werden sich im Kontext der Ausstellung „Robert Lebeck. 1968“, die ab März 2018 im Kunstmuseum Wolfsburg gezeigt wird, mit der Bedeutung von Fotografie in der Geschichtswissenschaft auseinandersetzen. Die Klassen stellen sich Fragen zu Fotokunst, Bildredaktion und werden zudem selber Texte verfassen, um zu verstehen wie ein Bildjournalist arbeitet. Die Ergebnisse werden sowohl in gedruckter Form als auch als Ausstellung im Studio des Kunstmuseums präsentiert. „Mit unserem archivdidaktischen Konzept haben wir den Status eines außerschulischen Lehrortes erhalten“, fügt Anita Placenti-Grau an.

„Das Archiv“

Das Archiv des Instituts für Zeitgeschichte und Stadtprävention in Wolfsburg

Sorgfältig aufgereiht sind die Schätze im Archiv. / Foto: Stadt Wolfsburg

Während des Gesprächs kommen immer wieder neue Geschichten zum Vorschein, die weitaus mehr Seiten füllen könnten. Aus diesem Grund wurde auch die quartalsweise erscheinende Zeitschrift „Das Archiv“ mit einer Auflage von 500 Stück ins Leben gerufen. „Unsere Idee war eigene Projekte vorzustellen, aber auch um andere Forscher, die unser Material nutzen, zu Wort kommen zu lassen“, erklärt Dr. Alexander Kraus. Besonders spannend dabei sei der „Blick von außen auf unsere Stadt“, wie es Nedelkovski umschreibt und ergänzt, dass Wolfsburg die am meisten untersuchte Stadt Deutschlands sei. Ein Thema, das auch in der Zeitschrift verarbeitet wird, ist die nationalsozialistische Geschichte unserer Stadt. Aktuellstes Thema derzeit sind die Laagberg-Baracken. Die Wohnungsbaugesellschaft Neuland startete an der Stelle, an der das einstige KZ-Außenlager Laagberg stand, ein Bauprojekt zur Errichtung eines Nahversorgers und Wohnungen. Der städtische Grabungstechniker suchte im Januar 2016 nach Überresten, fand jedoch in zwei Sondagen fast ausschließlich Mauerstandspuren. Als dann im Zuge der ersten Vorarbeiten unverhofft die Barackenfundamente an anderer Stelle sichtbar wurden, wurde das Thema in Politik und Verwaltung heiß diskutiert. Seit August 2017 laufen nun Planungen mit großen Partnern, Historikern, Pädagogen und Schülern, wie ein zukünftiger Gedenk- und Bildungsort aussehen soll.

Robert Lebeck Ausstellung im Kunstmuseum

Ein weiteres aktuelles Thema ist die Robert Lebeck Ausstellung im Kunstmuseum, die am 3. März 2018 eröffnen wird. Das IZS war der Initiator dieser Ausstellung, um 50 Jahre nach Veröffentlichung der Bilder die wahre Geschichte hinter diesen Fotografien zu erzählen. „Robert Lebeck hat weit über 700 Bilder von Wolfsburg gemacht. Es scheint, als war er der Stadt gegenüber sehr offen und aufgeschlossen“, erklärt Anita Placenti-Grau und Dr. Alexander Kraus ergänzt, „Damals zeigte der Stern zehn Bilder und konnte gar nicht richtig rüberbringen, wie Lebeck die Stadt gesehen hat.“ Und so schließt sich auch für uns der Kreis, denn im Mai 2018 berichtet Dora Balistreri, die im IZS als freie Mitarbeiterin tätig ist, von der Ausstellung in der nächsten FLOW WOLF Ausgabe.

Infobox

Audiowalk Migration: Ein Projekt der Geschichtswerkstatt (IZS) in Kooperation mit der Eichendorffschule Wolfsburg und der Geschichtsagentur past + present GbR Berlin.
Die Geschichte der Stadt Wolfsburg ist wie kaum eine andere Stadt in der Bundesrepublik durch Migration geprägt. Ein kurzer Blick in den historischen Entstehungsprozess der Stadt Wolfsburg genügt, um die Bedeutung der Begriffe Migration und Integration für diese Stadt zu verstehen. Zusammen mit dem Profilkurs „Geschichte“ (9. Jahrgang) der Eichendorffschule und der Geschichtsagentur past + present GbR Berlin hat die Geschichtswerkstatt sich mit diesem Thema auseinandergesetzt. Entstanden ist ein Audiowalk, der verschiedene Themen der Wolfsburger Migrationsgeschichte abdeckt. Von der Zwangsmigration über die Gastarbeiter bis in die Gegenwart. Die Schülerinnen und Schüler haben hierfür Hörspiele angefertigt, die als Audioblasen im näheren Umkreis des Bahnhofs mit dem Smartphone abrufbar sind.

www.wolfsburg.de/izs-audiowalk

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