In Wolfsburg ist Home Office angesagt.

Krise als Chance

Gut zu wissen, Ines Ernst

Sechs Wochen Ausnahmezustand liegen aktuell hinter uns. Inzwischen haben wir uns daran gewöhnt und machen das Beste daraus.

Die freie Zeit nutzen

Im Strandkorb liegen beim Home Office
Entschleunigen ist in diesen Zeiten wichtig. / Foto: FLOWWOLF

„Oh yeah – life goes on“, singt mein alter Held John Mellencamp scheinbar motivierend. Doch dann kommt es: „Long after the thrill of living is gone.“ Das Lied von Jack und Diane kenne ich schon lange, die Bedeutung des zweiten Teils habe ich erst vor ein paar Tagen gesehen. So, wie man in einem Lieblingsshirt auf einmal ein Loch oder graue Haare am Kopf entdeckt. Die Aussage passt unvermutet gut in diese vom Corona-Virus geprägte Zeit, in der wir vielen Thrills nicht mehr nachgehen können. Wobei – Essen gehen, mit Freunden ins Kino oder Theater, shoppen, der Besuch im Badeland – hätten wir das vor sechs Wochen noch als Thrills bezeichnet? Wohl nicht – zu selbstverständlich schnurrte der Alltag dahin. Scheinbar grenzenlose Möglichkeiten, sich zu amüsieren, Sport zu machen, soziale Kontakte zu pflegen. Seit Corona müssen wir ohne diese kleinen Belohnungen und liebgewonnenen Annehmlichkeiten auskommen. Da wird so mancher kreativ und holt Kochbuch und Wok heraus, geht joggen oder fährt Rad. Und ganz ehrlich: Vieles in unserem durchgetakteten Leben ist vielleicht schon länger unbemerkt lästig geworden – Termine, Zeitdruck, wöchentliche Wiederholungen. Hier steckt ganz sicher eine große Chance in der Krise: Entschleunigung. Rolle rückwärts mit einer Kugel Eis auf die Hand statt Chia-Smoothie-Triple-Soja-Latte, Uno kloppen statt Escape-Room-Crime-Dinner-Varieté. Das Leben geht weiter. Same, same but different.

Schule in den eigenen vier Wänden

Tasse auf dem Küchentisch
Gelernt wird -notgedrungen- am Küchentisch. / Foto: FLOWWOLF

Mit deutlich geringerem Grundrauschen machen wir uns also an die Arbeit im Homeoffice, die Kinderbetreuung plus Schulaufgaben, den Haushalt. Wo wir es gewohnt waren, täglich im direkten Austausch mit vielen Menschen unseren Alltag zu organisieren, sind wir auf einmal allein auf uns gestellt. Wir müssen uns einen neuen Rhythmus geben, unser „normales, altes“ Leben in unsere vier Wände zoomen. Das bedeutet, neue Entscheidungen zu treffen, was auch unangenehm sein kann und überfordert. Was immer so war, ist jetzt anders. Das ist auf eine Art und Weise auch wieder mehr Selbstbestimmung, als wir es in unserem durchgetakteten Alltag gewohnt waren, aber auch mehr Nähe als uns vielleicht manchmal gut tut und schlicht eine andere Form von Druck.

Wo Hausaufgaben schon zu Schulzeiten unbeliebt waren, wird es nun nicht besser. Die Zwergenschule am Küchentisch ist ein heikles Konstrukt. Es kann gut gehen, muss es aber nicht. Fest steht – so mancher große Bruder oder Schwester ist ein besserer Erklärer für das Einmaleins als die Eltern es sind. Gegenseitige Motivation ist natürlich super – wenn es in die richtige Richtung geht, sonst nicht so. Und es wird für die meisten Schülerinnen und Schüler ja noch viele Wochen der Alltag sein. Langmut wird hier dringend gebraucht. Motto der Stunde für mich: Keep calm and carry on.

Nichts wird sein, wie es war

Im Strandkorb liegen während Corona
Im Home Office bleiben einige Dinge auf der Strecke. / Foto: FLOWWOLF

Auch im Homeoffice geht das Büro-Leben weiter und bietet ebenfalls eine Chance in der Krise: Digitalisierung. Diese Möglichkeiten, digital zu arbeiten sind einfach super. Der Gedanke, dass viele Meetings und Besprechungen jetzt online stattfinden, ist auch für unser strapaziertes Klima eine gute Nachricht. Ich kann mich nicht daran erinnern, wann ich das letzte Mal getankt habe. Teams kommen pragmatischer zu Entscheidungen, Videokonferenzen werden normal. Das sorgt auch dafür, dass man sich nicht ganz hängen lässt, und präsentabel vor dem Laptop sitzt. Dabei fällt mir auch ein, dass ich noch nachschauen wollte, ob meine Wimperntusche inzwischen eingetrocknet ist.

Diese „besondere Zeit“ ist „aus gegebenem Anlass“ sehr widersprüchlich und ich kann es mir einfach nicht schön reden. Zu deutlich wird immer mehr: so wie es vorher war, wird es nicht wieder sein. Wir halten durch und hören täglich vom unermesslichen Leid bei den Kranken, höchster Anspannung bei Ärzten und Pflegern, Diskussionen um Maskenpflicht und verletzte Grundrechte. Gleichzeitig schönstes Sonnenwetter (das den nächsten Dürre-Sommer andeutet) und mehr Zeit, Entspannung trotz Unsicherheit.

Das Beste aus der Situation machen

Überhaupt brechen jetzt gesellschaftliche Konflikte auf, die zwar schon vor Corona da waren, aber weitestgehend unbemerkt blieben. Ja, es gibt viele Kinder, die zu Hause nicht genug zu essen bekommen, nicht bei Hausaufgaben unterstützt werden oder keinen Internetanschluss haben. Viele Selbständige und kleinere Firmen bangen um ihre Existenz. Obdachlose haben ihre festen Anlaufpunkte verloren. Ja, es gibt Gabenzäune und solidarische Hilfe für Nachbarn – da gibt es viele kreative Initiativen und Hilfsbereitschaft. Aber eben auch Hamsterkäufe und rücksichtslose Ellenbogen im Supermarkt und das nicht erst seit März, sondern schon immer. Diese Typen sind ja nicht weg. Die „Guten“ zum Glück auch nicht. Das Virus zeigt uns knallhart soziale und gesellschaftliche Ungleichheiten und die Not vor der Haustür.

Das meinte John damit, dass das Leben weiter geht, auch wenn es gerade mal keinen Spaß macht. An diesem Punkt sind wir jetzt, mitten in unserem sicheren Leben. Life goes on – bloß wie? Sicher ist: es wird weiter gehen. Es liegt an uns, etwas Gutes daraus zu machen.