Ehme de Riese im Gespräch mit Dora Balistreri

Wolfsburgs freier Geist

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Gesprächsstoff, Magazin

Ehme de Riese, Wolfsburgs Optiker des Vertrauens, wurde in diesem Jahr 65 Jahre alt. Blickt er heute zurück, schaut er auf ein Lebenswerk, welches von harten Geschäftsmodellen, Disziplin und einer Menge Inspiration geprägt ist. Redakteurin Dora Balistreri traf Ehme de Riese in Nordsteimke und sprach mit ihm über seine Vita, seinen Geschäften und über die bunte Kuh im Stadtzentrum.

Ehme de Riese – beinahe unübersehbar

Ehme de Riese Erlesenes

Ehme de Riese vor seinem Geschäft Erlesenes. / Foto: Ehme de Riese

Er ist ein auffälliger Mann, der Ehme de Riese. Beinah unübersehbar. Auf seiner Hose sind alle Farben abgebildet, die es nur gibt. Sorgfältig dazu sind das Hemd, das Jacket, die Schuhe und – selbstverständlich– seine Brille ausgesucht. Trotz der vielen bunten Töne passt jedoch alles zusammen. Nicht weniger bemerkenswert sind seine Augen wie ein Fuchs und das gutmütige Lächeln. Es ist ein stimmiges Bild.

Seine Kindheit

„Wenn man so viele Jahre hinter sich hat, dann stellt es sich schwierig dar, sein Leben in Kürze zu erklären“, stellt Ehme fest. Dabei nimmt er gemütlich Platz auf dem großen Sofa, das im Eingangsbereich des Yard Boarding House steht. Er lädt mich ein, dasselbe zu tun und führt fort: „Viele der Dinge, die schönen und hässlichen, die mir in der Vergangenheit zugestoßen sind, bilden die Grundlage für den Mann, der ich heute bin. Sie haben mich geformt – persönlich wie beruflich.“ Und da beginnt er aus seiner Kindheit in Nordsteimke zu erzählen. Von dem Rittergut des Grafen von der Schulenburg, dem heutigen Ideenherd, in dem er damals mit seiner Familie zusammenwohnte. Sein Vater war Melkermeister und seine Milch wurde mehrmals als die beste der Bundesrepublik ausgezeichnet. „Damals gab es keine Kindergärten, wir haben auf dem Hof und im Wald gespielt. Gewitter waren stets große Ereignisse! Wenn der Hof unter Wasser stand, haben wir draußen geduscht. In dieser Stadt wurde die Grundlage meiner Persönlichkeit gelegt, die auf Freiheit und Abenteuerlust basiert.“ Der Wunsch, als Optiker zu arbeiten, entwickelte sich bei Ehme de Riese erst mit der Zeit. Nach seinem Abitur begann er zunächst, Lehramt zu studieren. Wolfsburg zu verlassen, kam ihm erst gar nicht in den Sinn. Und das, obwohl er schon als junger Mann mit seinen langen Haaren, den längstgestreiften Hosen und dem grasgrünen Käfer auffällig anders als die meisten Bewohner der Stadt war. In seinem Prüfsemester wurde ein Lehrerüberfluss festgestellt. Eine Lehrerstelle zu finden, wurde somit beinah unmöglich. Ehme brach das Studium ab. „Wir waren sechs Kinder und mein Vater hatte den großen Wunsch, dass zumindest einer von uns, eine akademische Richtung einschlagen würde. Mit dem Abbruch des Studiums zerstörte ich nicht nur meinen, sondern auch seinen Traum. Seine Enttäuschung motivierte mich jedoch, schnell nach einer anderen Lösung zu suchen. Ich fragte mich: Was verbindet meine kommunikative Art mit einer Sache, die mich ernähren kann? Die Optiker-Idee gefiel mir auf Anhieb. Das naturwissenschaftliche Know-how hat mich interessiert. Außerdem gefielt es mir, empathisch zu sein und die Bedürfnisse der Menschen zu erkennen.“ Ehme zog nach Münster, lernte bei Fielmann aus und raste die Karriereleiter hoch. Nach seiner Meisterprüfung hatte er jedoch andere Ambitionen, als im Unternehmen zu bleiben: Er wollte die Selbstständigkeit!

Der Beginn der Selbstständigkeit

„Trotz allem hat mir mein Vater sehr vertraut. Als die Selbstständigkeit für mich feststand, habe ich seine finanzielle Unterstützung gebraucht. Er stimmte mir schnell zu und ließ mir beim Notar alles übertragen, was er besaß: Haus und Hof. Wäre mein Vorhaben nicht aufgegangen, hätte ich meine Familie ruiniert. Aber mein Vater, der einfache Melkermeister, der viel Tiefgang besaß, stand hinter mir.“ In nur wenigen Jahren erstattete Ehme seinem Vater alle Kosten zurück, die er für seinen Sohn riskiert hatte. Mit einem Partner und knapp 30 Jahren eröffnete Ehme de Riese mitten in der Königstraße in der Stuttgarter Innenstadt ein großes Optikergeschäft. Sein Erfolg war kaum zu stoppen: In nur kürzester Zeit folgten weitere neun Filialen in der Umgebung Stuttgarts. Mit innovativen Marketingideen bedienten die Geschäfte ein breites Publikum, von einfach bis edel. Bereits 1991 wurden in den Filialen Gleitsichtgläser auf Rezept und ohne Zuzahlung angeboten. Ehme mutierte zum härtesten Discounter Süddeutschlands. Tagtäglich kämpfte er gemeinsam mit seinen 180 Mitarbeitern um den niedrigsten Preis, um somit den maximalen Gewinn zu erzielen. „In Stuttgart wollte ich der beste Optiker sein. Stattdessen war ich der günstigste. Ich arbeitete rund um die Uhr und lebte sehr wohlhabend. Aber immer wieder stellte ich mir die Frage: Ist es das, was du wirklich willst, Ehme? Besonders in diesen Momenten dachte ich an Wolfsburg zurück, an meine Kindheit, an die Werte, die mir mein Vater vermittelt hatte, an die Art und Weise, wie er seine Mitarbeiter motivierte, um leidenschaftlich ihre Arbeit zu leisten. Letztendlich fehlte mir die nötige Härte, die viele Großunternehmen pflegen, um ihre Mitarbeiter in die Knie zu zwingen. Mir wurde klar: So möchte ich nicht mehr weiterarbeiten!“ Als Ehme mit 50 Jahren beschloss, Stuttgart und seine 10 Geschäfte zu verlassen und zurück zu seinen Ursprüngen nach Wolfsburg zu kehren, hielten ihn alle für verrückt. Dies bestätigte ihn jedoch nur in seine Entscheidung. Eines Tages machte sein Sohn ihn auf eine Anzeige aufmerksam: ein Optikergeschäft am Wolfsburger Nordkopf, bei dem der Geschäftsführer altersbedingt den Laden aufgeben wollte, stand bald leer. Diese Ecke war zu der Zeit noch ein sozialer Brennpunkt in Wolfsburg. Heute ist es geschmückt mit einer bunten Kuh. „Der Wunsch, mit meiner Erfahrung und meinem Wissen, etwas Neues zu schaffen, machte mich jedoch neugierig. Oft saß ich gegenüber dem Laden, vor dem damaligen Hertie. Ich versuchte, mich von diesem Ort inspirieren zu lassen. Die Idee, die Überlegung reifte: Hier, genau hier, kannst du dein Ding machen, sagte ich zu mir selbst!“

Zurück nach Wolfsburg

Ehme de Riese stand somit mit 50 Jahren wieder da, in Wolfsburg, ohne Mitarbeiter, aber mit einem Laden und unzähligen Inspirationen. Was tat er? Er riss alles raus und gestaltete es neu. Nie wieder wollte er eine solche Arbeitspolitik wie in Stuttgart leben. Nie wieder wollte er Menschen durch einen besonders günstigen Preis anlocken, den Wettbewerb ruinieren, sich in Konkurrenz mit den ganz Großen der Brillen- und Optikerbranche des Internets begeben. Stattdessen kreierte er einen Gegenentwurf, mit welchem er bis heute seine Vision lebt: Er designt eigene Brillen, hat seine eigene Marke entwickelt. Ehmes Zielgruppe heißt heute nicht mehr „alle“, sondern seine mittlerweile vier Geschäfte, seine Markenauftritte, sind nach festgelegten Zielgruppen unterteilt: Trendiges, Individuelles, Erlesenes und U17. „Gut sein zu wollen, das ist die eine Sache. Aber wer der Beste ist, entscheidet der Kunde allein. Was heute für unsere kleinen Unternehmer im Kampf gegen den Discounter ist, kristallisiert sich immer mehr heraus: Wir müssen außergewöhnlich, einzigartig, unvergleichbar sein. Wir müssen uns jeden Tag eine Überraschung für unsere Kunden ausdenken. Das können wir sowieso besser, weil wir ihre Bedürfnisse kennen, wir den persönlichen Kontakt pflegen. Ich habe in den letzten 10 Jahren meine Arbeitsweise verändert, jedoch bin ich jeden Tag in den einzelnen Marken präsent. Heute haben wir 12 Meister und mein Ziel ist es, dass meine Kunden irgendwann nur von solchen Profis bedient werden.“

Der Gegenentwurf

Ehme de Riese im Gespräch mit Dora Balistreri

Im Yard Boarding House ließ es sich bequem unterhalten.

Die Personalpolitik, die Ehme heute führt und Teil seines Gegenentwurfs ist, richtet sich nach dem Wohl aller Beteiligten im Unternehmen aus. Seine Werte, auf denen er seine Marken stützt, heißen: Wahrhaftigkeit, Ehrlichkeit, Unvergleichbarkeit, Einzigartigkeit und Außergewöhnlichkeit. Mit dem Motto „Qualität kennt keine Konkurrenz“, bekräftigt Ehme seine Richtung als Optiker.

Zum Gegenentwurf seines Geschäftsmodells gehört auch sein soziales Engagement für Wolfsburg. „Diese Stadt hat mir unheimlich viel gegeben. Ich begreife es als persönliches Anliegen, mich lokal zu engagieren. Vieles davon geschieht spontan. Einige kommen mit einer Idee auf mich zu, von der ich auf Anhieb begeistert bin. Mit großer Freude bin ich Sponsor der Sommerbühne im Schloss, unterstütze das ehrenamtliche Engagement, fördere die Lesetage im Hallenbad oder organisiere eigene Kulturveranstaltungen, wie etwa die Konzerte im phaeno zum Thema „New Orleans“, unterstütze zahlreiche Schulen, Sportvereine und diverse Stadtteilprojekte in Nordsteimke und Westhagen. Vor neun Jahren habe ich begonnen, die Frauenmannschaft des VfL Wolfsburg augenoptisch zu betreuen. Außerdem bin ich der Optiker der Wolfsburger Grizzlys.“

Die Vision für Wolfsburg

Ehme de Riese gehört zu den Menschen, welche zunächst die Chancen und erst dann die Risiken einer Veränderung wahrnehmen. Und viel wichtiger ist es doch, dass er auf seinem Lebensweg stets eine Authentizität bewahrt hat, die sich von seinem Kleidungsstil bis hin zu seinem Gegenentwurf als Geschäftsmodell etabliert hat.

Welche ist seine Vision für ein Wolfsburg der Zukunft?

„Wolfsburg trägt naturbedingt ein junges Kleid. Mein Wunsch ist es, dass diese Stadt niemals alt wird, sondern auf seine junge und dynamische Ader aufbaut. Wir Wolfsburger haben unheimlich viel erreicht: Wir haben Integration ermöglicht und gefördert. Auf der anderen Seite des Kanals steht ein Global Player, welches mit der internationalen und in Wolfsburg geballten Arbeitskraft entstanden ist. Unsere Stadt besteht aus schönen Grünflächen, die zentrumsnah und gut zu erreichen sind. Und durch das Schloss, die Denkmäler, beweist Wolfsburg, geschichtsbewusst zu sein!“

Wie stellen Sie sich Wolfsburgs Zukunft vor, lieber Ehme?

„Bunt natürlich. Schwarz und Weiß sind keine Farben für uns Optiker.“

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2 Kommentare

  1. Hallo Frau Schubert,

    wir durften Ehme de Riese kürzlich wieder live erleben. Dort berichtete er auch, dass seine Frau wichtige Entscheidungen seines Lebens positiv herbeigeführt hat. Wir wissen ja, hinter einem erfolgreichen Mann steht immer eine starke Frau.

    Gruß vom FLOW WOLF

  2. Christiane Schubert

    Das ist Ehme wie er leibt und lebt: zielstrebig, kompetent, erfolgreich, großzügig und dabei immer Mensch geblieben.
    Nicht zu vergessen seine Ehefrau und Partnerin, die ihm für viele seiner Aktionen den Rücken frei hält und immer zu ihm steht.

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