Aus der zweiten Reihe / Foto: Thomas Koschel

Aus der zweiten Reihe

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Gut zu wissen, Ines Ernst, Magazin

Fast fährt man daran vorbei, auch bei Tempo 30, denn es gibt so viel zu sehen in der kleinen Straße Legde in Mörse. Sie schlängelt sich durch den alten Ortskern, der hier noch deutlich von schmuck in Schuss gehaltenen Bauernhäusern geprägt wird mit ihren strahlenden Fassaden, blühenden Büschen und den Gartenbänken unter alten Obstbäumen. Die Mehrfamilienhäuser neueren Datums fügen sich nahtlos ein. Es ist ein Wolfsburg abseits der gestylten Neubaugebiete und der Innenstadt. 

Zwischen gemütlichen Bauernhäusern liegt eine Werkstatt  

Ein Beruf aus Leidenschaft / Foto: Thomas Koschel

Ein Beruf aus Leidenschaft / Foto: Thomas Koschel

Dazwischen liegt die Kfz-Werkstatt Sievers in einem Gebäude, das früher ein Kuhstall war. Es ist wirklich ein kleines Juwel, diese idyllische Kombination aus Wohnhaus und Werkstatt, Autos und Landleben – es ist eigentlich auch eine gelungene Form von Kulturwandel wenn man so will, denn das Haus war schon immer darauf ausgelegt, darin ein Geschäft zu betreiben. Ganz abstrakt gesagt: der Weg ging von der Milch zum Benzin. Die Nachbarn haben das wahrscheinlich etwas anders umgesetzt – sie bauen wohl eher die Autos, anstatt sie zu reparieren. Vielleicht hält der eine oder andere noch ein paar Hühner, ansonsten ist der Wandel vom ländlichen Dorf zum Vorort einer Industriestadt vollzogen. Längst haben sich die Nachbarn daran gewöhnt, dass an der Straße die bearbeiteten Autos stehen, bei einigen hilft es auch, dass sie nicht nur hier in der Straße wohnen, sondern zur Familie gehören. Abends und am Wochenende sind die Autos verschwunden, die Idylle wieder hergestellt. „Mein Vater hat vor 28 Jahren einfach angefangen und gemacht. Ich bin neben ihm hier reingewachsen, habe nie daran gedacht, etwas anderes zu machen,“ sagt Inhaber Marius Sievers. Überhaupt – der Vater. Im letzten Jahr kam er durch einen tragischen Unfall beim Moto-Cross ums Leben und Marius macht jetzt allein, was sie sich bisher geteilt habenJe mehr Marius erzählt, desto stärker wird der Eindruck, dass der Vater, durch die enge und harmonische Bindung, die die beiden hatten, sehr präsent ist im alten Kuhstall. Sein Einfluss prägt ganz unmittelbar die Art und Weise, wie hier miteinander gelebt und gearbeitet wird. Marius hat immer genau beobachtet, wie die Dinge so laufen. Dabei hat er sich einiges abgeschaut, nimmt aber jetzt die Möglichkeit wahr, manches anders zu machen. Er erzählt, dass sein Vater für die Kunden alles möglich gemacht hat und jedes Auto so schnell und so gut es ging fertig machen wollte. Manchmal ist er noch kurz vor Ladenschluss losgefahren, um auf den letzten Drücker ein Ersatzteil zu besorgen und einzubauen. Dann haben die Kunden den Wagen doch erst am nächsten Tag abgeholt. Hier läuft ein schmaler Grat zwischen hoher Serviceorientierung und stressiger Überforderung entlang – Marius weiß, wie er auf diesem Grat balancieren kann.

Die Verbindung zwischen Vater und Sohn

Moto-Cross als Ausgleich zum Alltag / Foto: Christian Heilwagen

Moto-Cross als Ausgleich zum Alltag / Foto: Christian Heilwagen

Über den Beruf Kfz-Mechaniker war es nur ein kleiner Schritt zum Moto-Cross, auch diese Leidenschaft hat Vater und Sohn verbunden. Moto-Cross ist trotz der Gefahren dieses Sports ein wichtiger Teil im Leben von Marius geblieben. Regelmäßig trainiert er auf der Moto-Cross-Strecke in der Nähe von Helmstedt. Seine Wochenenden verbringt er im Wohnmobil an den verschiedenen Rennstrecken der Amateur-Serie, in der er mitfährt. Die vielen Pokale im Büro lassen vermuten, dass Marius schon über sehr viel Rennerfahrung verfügt, die sich in guten Platzierungen niederschlägt. Tatsächlich führt er momentan in der Klasse 5 MX1 in der Landesmeisterschaft SachsenAnhalt die Wertung mit soliden 17 Punkten Vorsprung an. Kommt er sich nicht ein bisschen weit weg von allem vor, hier auf dem Dorf? Auf gar keinen Fall! Das ist ja auch ein guter Ausgleich zum stressigen, lauten Renngeschehen am Wochenende. Trotzdem: abseits gelegen ist es hier schon. Die Hauptstraße ist weit weg, ein gut frequentiertes Industriegebiet ebenso, auch ein Markenlogo sucht man vergebens. Aber genau das macht es aus. Denn hier zählt der persönliche Kontakt, der kurze Schnack im Büro.   

Die Tradition wird weitergeführt

Rennerfahrung, die sich auszahlt / Foto: FLOW WOLF

Rennerfahrung, die sich auszahlt / Foto: FLOW WOLF

Während unseres Interviews werden wir ab und zu unterbrochen. Marius mag zwar noch keine 30 Jahre jung sein, aber  – er ist der Chef und immer für alle ansprechbar, wenn er im Büro ist. Da geht es darum, wie man bei einem Auto mit Totalschaden den noch ziemlich vollen Tank leer pumpen könnte. Mehrere Vorgehensweisen werden diskutiert, aber keine klingt so richtig vielversprechend. Oder um ein kaputtes Rücklicht an einem Anhänger, der am nächsten Tag zum TÜV sollte. Das muss leider auf einen anderen Tag verschoben werden, wenn das Rücklicht repariert ist, aber alles kein Grund zur Panik – der TÜV ist jeden Tag im Haus. Die treuen Stammkunden empfehlen das Team um Marius Sievers gern mit positiven Bewertungen auf den bekannten Online-Portalen weiter. Und – dem Internet sei Dank, sind es nicht ausschließlich Stammkunden und Wolfsburger, die ihre Autos hier reparieren lassen. Viele Hinzugezogene, die sich online orientieren, finden ihren Weg in die Legde – und kommen gern wieder. Mundpropaganda und das Internet – auch in diesem Sinne kommen hier alt und neu zusammen. Verstecken ist wirklich nichts für Marius weder vor den familiären Veränderungen des letzten Jahres, noch vor dem Wandel zu E-Mobilität. Was der Vater mit dem Umbau des Kuhstalls begann, will Marius fortsetzen – die anrollende Welle der Stromer schon fest mit einem Auge im Blick, ebenso wie die steigende Anzahl von Wohnmobilien im anderen. Dafür ist er mit seinem Team bestens aufgestellt – eine gute Mischung aus erfahrenen und jungen Mechanikern, die sich jedem Fahrzeug annehmen, das auf die Bühne fährt oder geschoben wird. Hier wird ganz selbstverständlich das gelebt, was an anderen Stellen mit Team-Building-Workshops und Gedöns versucht und dann doch nicht umgesetzt wird. Vielleicht gelingt es hier so gut, weil es eine kleine Werkstatt ist, in der man sich zwar schlecht voreinander verstecken kann, aber gemütlich aus der zweiten Reihe heraus einfach mal ganz in Ruhe sein eigenes Ding machen kann. Etwas versteckt zu sein, hat durchaus große Vorteile!

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