Kriegsende – Das Gifhorner Tagebuch 1945

Hätten Sie das gewusst? In den letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs starben im Landkreis Gifhorn mehr als 1000 Menschen – die meisten im April 1945, als die Amerikaner die Heideflächen überrollten. Hier gab es vor genau 70 Jahren noch etliche Gefechte zwischen Alliierten und dem letzten Aufgebot der Wehrmacht, Artilleriebeschuss ganzer Dörfer, Bombenabwürfe aus der Luft, ehemalige Zwangsarbeiter auf Rachefeldzug, KZ-Häftlinge auf dem Todesmarsch und ideologisch angetriebene Gräueltaten. All das hat Redakteur der Braunschweiger Zeitung Reiner Silberstein in den vergangenen zehn Jahren recherchiert – seit kurzem ist sein Buch auf den Markt: „Kriegsende – Das Gifhorner Tagebuch 1945“.

„Die erste Idee zur Recherche kam mir, als ich als Lokalredakteur einen Termin bei der St.-Marien-Kirche in Isenbüttel hatte“, sagt der 43-Jährige. Pastor Hans Joachim Kall erwähnte zur Neugestaltung des Außenanlage, dass die Bauarbeiter auf bisher verborgene Bruchteile des alten Kirchturms gestoßen seien. Der Geschichte, in der ein deutsches Jagdflugzeug wenigen Wochen vor Kriegsende das Bauwerk rammte, widmet er nun im Buch ein ganzes Kapitel. Eine Serie von weiteren Artikeln in der Gifhorner Rundschau im Jahr 2005 bildete die Basis für das neue Buch mit rund 190 Seiten – dabei geht es auch um die Bombardierung Allerbüttels sowie um ein Unglück in Calberlah (siehe Leseproben). Im Laufe der Jahre sammelte Silberstein aber immer mehr Fakten zusammen, interviewte mehr als 50 Zeitzeugen und Experten, nahm sogar mit amerikanischen Kriegsveteranen Kontakt auf.

Schockierend, lehrreich, rührend und spannend zugleich

Chronologisch, nahezu Tag für Tag, zeichnet das Buch die Ereignisse von 1945 nach – schockierend, lehrreich, rührend und spannend zugleich. Nun sind viele Rätsel gelöst, ist das Puzzle komplett. Wirklich? „Nein, völlig ausrecherchiert ist das Thema wohl nie“, sagt der Autor. Nach der Veröffentlichung des Buchs meldeten sich weitere Zeitzeugen bei ihm, bekam er weitere Fotos gereicht. „Ich muss wohl noch eine zweite, überarbeitete Auflage aufsetzen“ – mehr als 20 neue Kapitel könnte er jetzt schon schreiben. Und er freut sich weiterhin über weitere Zeitzeugen, Hinweise und Fotos. Kontakt: die@silbersteine.de. Facebook: www.facebook.com/Kriegsende

 Leseproben:

 Januar 1945 l Allerbüttel

Die Bomben zerrissen den Kuhstall

Es gab Fliegeralarm am 14. Januar, einem Sonntag – die Sülfelder Schleuse am Mittellandkanal und das Werk in der KdF-Stadt (heute Wolfsburg) waren lohnenswerte Ziele für alliierte Bomber. Dann heulte in Calberlah nicht etwa eine Sirene, sondern die Bewohner wurden durch einen anderen ohrenbetäubenden Krach gewarnt: „In die Bäume hatte man alte Eisenbahnschienen gehängt. Und bei Alarm wurde mit Eisenstangen dagegen geschlagen“, berichtet Egon Beith aus Calberlah, damals 13 Jahre alt. An jenem 14. Januar gab es einen gezielten Angriff auf die Schleuse. Viel zu sehen war dabei allerdings nicht: „Rings um die Schleuse waren so genannte Nebeltrupps“, sagt Wilhelm Tietge, der damals 15 Jahre alt war – in Allerbüttel, in der Berliner Straße und Auf den Bergstrücken. „Da waren russische Zwangsarbeiter dabei, die in Zelten übernachteten, und deutsche Soldaten. Aber die hatten Privatunterkünfte.“

Bei Alarm eilten sie zu den großen Fässern mit einer speziellen Chemikalie. Kam eine zweite hinzu, dampfte der Meiler so stark vor sich hin, dass – je nach Windstärke und -richtung – die ganze Gegend verhüllt wurde. „Etwa alle 500 Meter stand so ein Fass“, erinnert sich Siegmund Paul, „so welche standen noch vor einigen Jahren beim Förster auf dem Hof.“ Tiefflieger sollten allerdings nicht nur durch Nebelbänke in die Irre geführt werden, sondern auch beschossen werden. Beith: „Am Ziegeleiweg gab es regelmäßig Übungsschießen auf Flugzeuge mit langen Fahnen dran.“

Wegen der Vernebelung gingen die feindlichen Bomben im Januar nicht über der Schleuse nieder, sondern über Allerbüttel. „Wir kamen gerade vom HJ-Dienst“, sagt Tietge, „es war gegen Mittag. Wir haben das Krachen gehört.“ Beith: „Gegenüber vom Mertens-Haus ist eine Bombe runtergekommen und zerstörte ein Zweifamilienhaus. Insgesamt gab es vier Tote in Allerbüttel, alles war wie aufgepflügt.“ Tietge: „Das Haus der Familie Hammer war auch weg. Aber die Leute hatten Glück. Sie saßen im Bunker auf dem Hof.“

Magdalena Hoffmann hatte als junges Mädchen die Bombardierung erlebt. Sie erzählt, wie sie beim Angriff knapp mit dem Leben davonkam: „Ich flog durch die Luft, meine Tasche war plötzlich weg. Ich sah, wie die Bomben einen Kuhstall trafen und hörte die Kühe brüllen. Eggen und Pflüge flogen durch die Gegend. Ich hatte einen Schutzengel – denn bei allem habe ich nicht einmal einen blauen Fleck bekommen.“

Kriegsende in Gifhorn 1945
Die „Nachrichten für die Truppe“, die Propaganda-Flugblätter der Amerikaner, berichten über die bevorstehende Einnahme von Braunschweig. Quelle: Wikipedia, Stichwort „Nachrichten für die Truppe“

Juli 1945 l Calberlah

Jugendliche waren die letzten Opfer der Granaten

Im Sommer 1945 war der Krieg eigentlich längst vorbei. Und doch schlug er manchmal noch mit aller Wucht wie ein Echo zu. Wilhelm Tietge, Egon Beith und Paul Sigmund aus Calberlah erinnern sich mit Schrecken an ein Ereignis in ihrem Heimatort: „Es war gleich nach dem Krieg im Sommer“, weiß Tietge noch ganz genau. Er selbst war damals 15 Jahre alt, sein Freund Egon 13. Ein guter Bekannter aus dem Dorf hatte einen Sprengkörper gefunden, wie sie noch zu Tausenden in der Landschaft herumlagen – Hinterlassenschaften des Krieges.

Der 16-Jährige hantierte mit der Bombe herum. Nach Aussage der Calberlaher holten die Jugendlichen öfter das Pulver aus den Granaten, um damit Platzpatronen zu basteln. „Er saß in einem Handwagen und sägte das Geschoss auf. Wir standen mit drei Mann drum herum und haben zugeguckt“, erzählt Beith.

Doch das war ihnen vermutlich zu langweilig, also beschlossen die Jüngeren, sich ein paar Äpfel von nahegelegenen Bäumen zu holen. Beith: „Gerade als wir 50 Meter weit weggegangen waren, ging das Geschoss los.“ Auch Sigmund Paul erinnert sich noch an den Tag: „Wir waren gerade beim Essen. Da gab es einen lauten Knall und wir sahen eine Rauchwolke durchs Fenster.“ Der 16-Jährige im Handwagen war sofort tot.

1945
Harold White, Panzerkommandeur im 772. US-Battalion, sitzt auf dem Sherman-Panzer „Billy the Kid“ (hinten Mitte), mit dem er durch den Landkreis Gifhorn gefahren ist. Die Ähnlichkeit zum Film-Plakat von „Herz aus Stahl“ („Fury“) ist verblüffend. Quelle: Archiv Jim White/Silberstein

 

 

 

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